Wer nimmt Menschen (wohin) weg?

Von LUCKYHANS

Eine Frage, die uns gewiß nicht betrifft – bei uns verschwinden keine Menschen. Oder doch?
Gibt es dazu eine Statistik? Oder sind das auch wieder „geheime“ Zahlen, wie die Ausländerkriminalität oder die tatsächliche Arbeitslosigkeit?
Man wird doch wohl mal fragen dürfen… oder schon nicht mehr?
© für die Übersetzung aus dem Russischen by Luckyhans, 21.1.005
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Wohin verschwinden die Menschen?

Veröffentlicht von Alexej Krawzow am 8.1.17 um 13:29

Einer meiner Bekannten arbeitet bei der Kripo. Seine Tätigkeit ist die Suche nach grundlos verschwundenen Menschen, oder wie er sie nennt, „Verlorene“.

Und er hat das Folgende über seine alltägliche „Bullen“-Arbeit erzählt.

In Rußland werden im Jahr etwa 200 Tausend Vermißtenmeldungen aufgenommen. Und das jetzt, in Friedenszeiten. Und es finden sich jedes Jahr davon etwa 100 Tausend Leute wieder an. Daß heißt, sie werden gefunden (lebend oder tot) – also von denen identifiziert, welche die Vermißtenmeldung geschrieben haben, oder die „Verlorenen“ zeigen selbst an, daß sie – sie selbst sind. Die Frage ist: wohin veschwinden die restlichen 100 Tausend?

Mein Bekannter hat gleich gewarnt, daß er nur von jenen Vermißten spricht, für die eine Meldung bei der Polizei von den Verwandten, Kollegen usw. vorliegt.

Ich habe die Statistik gelesen, die im Internet veröffentlich ist – dort stehen andere Zahlen. Aber der Mann sagt: „Alle veröffentlichten Statistiken lügen, sind nicht wahrheitsgemäß und nichtssagend, sie werden nur von den Sesselfurzern in den Stäben gebraucht.“

Die Hauptgruppen der Vermißten, welche nicht wiedergefunden werden sind:

1) plötzlich und ohne ersichtliche Gründe verschwunden;

2) zur Jagd, zum Angeln, zum Wandern usw. gegangen;
3) mit ihrer „besseren Hälfte“ zerstritten und „in die Nacht“ verschwunden;
4) aus dem Haus weggegangen – das sind Trinker, psychisch Kranke, welche mit Gedächtnisstörungen, Drogensüchtige usw.; in der Regel gegen Ende ihres Lebens (wenn man sie nicht wiederfindet) erscheinen sie in den Krematorien als nicht identifizierte Leichname;
5) weggelaufene Kinder aus den Kinderheimen;
6) verschwunden, aber es gibt Gründe zu vermuten, daß sie in irgendeine krumme Sache verwickelt sind (haben hohe Schulden, sind Mitglieder von Verbrechergruppen usw.);
7) vermißt in Kriegs-Zonen oder bei Naturkatastrophen;
8) Obdachlose.

Etwa die Hälfte der Vermißten gehört zu der ersten Gruppe – „plötzlich und ohne ersichtliche Gründe verschwunden“. Das heißt, 50 Tausend Menschen verschwinden (allein in Rußland – d.Ü.) jedes Jahr plötzlich, ohne ersichtlichen Grund.
Mit den anderen Punkten werden wir uns nicht befassen, dort ist einigermaßen klar, was los ist. Dafür werden wir nachforschen, wie „ plötzlich und ohne ersichtliche Gründe“ Menschen verschwinden.

Frühmorgens brachte eine Frau (Mutter zweier Kinder) das eine Kind in den Kindergarten, das zweite in die Schule und setzte sich dann in ein Linientaxi. Auf der Arbeit ist sie nicht angekommen. Von der Haltestelle des Linientaxis bis zur Arbeit sind es 1 Minute Fußweg (100 m). Einen Tag bleibt sie weg, den zweiten… Wie vom Erdboden verschluckt. Den Mann hat man intensiv befragt, alle Verwandten, Schul- und Hochschul-Freunde. Alle Nummern auf ihrem Mobiltelefon abtelefoniert. Die ganze Wohnung durchsucht – ohne Ergebnis. Einfach verschwunden, der Mensch. Und keine Hinweise. Die Mitfahrenden im Linientaxi erinnern sich an sie (es sind etwa dieselben wie jeden Tag), sie sagen, daß sie an der üblichen Haltestelle ausgestiegen sei. Sie hat als kleine Angestellte in der Kreisverwaltung gearbeitet.

Oder dies hier.

Es lebte mal ein Mann. Verheiratet, mit Kind. Alles „in Schokolade“. Verdient gut – Auto, Neubauwohnung, gekauft ohne Hypothek. Morgens fuhr er mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, setzte sich in seinen Ford Mondeo und fuhr zur Arbeit. Dort ist er nicht angekommen. Seinen Ford hat man auf der Straße gefunden, auf halbem Wege zur Arbeit, einige Tage später, geparkt am Straßenrand. Im Auto keinerlei Spuren von Kampf oder Anzeichen von Gewalt, Überfall usw. Das Auto stand mit Zündschlüssel im Schloß und eingeschalteter Zündung, aber das Benzin schon alle. Drinne ein Notebook, das Mobiltelefon am Zigarettenanzünder eingesteckt. Keine Anzeichen für einen Nothalt, keine Warnblinkanlage an. Das Auto in Ordnung. Alle Büsche, Garagen, Keller in der Nähe wurden mit Hunden abgesucht. Nichts. Die Straße ist belebt, ständig Verkehr.

Der Mann war nicht der Geschäftsinhaber, einfach mittleres Management. Gutes Einkommen (um Wohnung und Auto zu kaufen) von Mieteinnahmen (der Frau gehören drei Wohnungen, von den Eltern und der Oma geerbt). Die Frau ist Ärztin im Militärhospital. Die Geldkarten wurden extra nicht gesperrt – es gab aber keine Bewegungen darauf.

Oder noch ein Fall. Überhaupt schlimm.

Eine junge Mutter ist in den Laden gegangen, um Milch und Quark zu kaufen. Das Kind ist knapp ein jahr. Gewöhnlich ging sie einkaufen, wenn das Kind am Tage schlief. Der Mann arbeitet zu Hause, macht am Computer Grafiken für Zeitschriften.

Sie ist weggegangen und nicht zurückgekehrt. Da sie dem Kind die Brust gab, war sie an das Kind gebunden. Bis zum Milchladen waren es ein paar Straßenbahnstationen, aber sie ist nicht dort angekommen. Wo sie hin verschwunden ist, bleibt unbekannt, schon ein Jahr ist sie fort.

Oder dieses. Ein richtiger Krimi.

Zwei Familien sind mit zwei Autos in den Urlaub gefahren. Einen ganzen Tag unterwegs. Übernachten am Stadtrand in einem Motel. Jede Familie nimmt ein Zimmer. Morgens wachen sie auf, und der eine Mann fehlt. Seine Frau und Kinder haben geschlafen (waren den ganzen Tag unterwegs, daher sehr müde) und haben nichts gehört. Die Nachtportier-Dame (20 Jahre alt) hat nichts gesehen (hat aber zugegeben, selbst geschlafen zu haben). Die Tür zum Hotel war nicht verschlossen. Die Videoüberwachung war nur auf den Parkplatz ausgerichtet (dort ist er nicht aufgetaucht). Das Auto an seinem Platz, Geld, Paß und Autopapiere waren im Zimmer (in der Jacke). Ist beschuht gegangen, ohne Jacke. Wohl eher nachts zum Rauchen rausgegeangen (die Zigaretten waren nicht im Zimmer und nicht im Auto).
Die gesamte Umgebung wurde abgesucht. Keiner hat was gesehen.

Ein weiterer, ein Büroarbeiter.

Der Bursche arbeitete als Programmierer in einem Büro, schon einige Jahre. Lebte mit einem Mädel in Lebensgemeinschaft. Hatte ein Auto auf Raten gekauft. Wohnte zur Miete. Ging zum Mittagessen und seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Ist mit dem Auto zum Mittagessen gefahren (gewöhlich zu Hause) und nicht zurückgekommen. Zu Hause ist er gewesen (sein Mädel, mit der er zusmmenlebte, sagte, daß schmutziges Geschirr herumstand, als sie abends von der Arbeit kam, und das Mittagessen war aufgegessen). Das Auto ist bis heute nicht gefunden. Der Mensch war lebensfroh, fröhlich, konfliktarm. Das Telefon war ab etwa eine Stunde nach der Mittagspause (sein Chef rief an, um zu fragen, warum er so lange wegblieb) „zur Zeit nicht erreichbar“.

Noch einer…

Veschwunden ist ein Polizist, ein Hauptmann. Gut, wenn er auf dem Heimweg vom Dienst, vom Einsatz verschwunden wäre, könnte man vermuten, daß er irgendwo eine Flasche Bier gekauft und jemanden getroffen hatte usw. Aber nein! Er setzte sich früh in die S-Bahn, um zum Dienst zu fahren, und kam dort nie an. Alles sind aufgeregt, alle Verbindungen wurden abgearbeitet, absolut alle durchgeschüttelt: keiner weiß was und wie. Auf allen Zwischenhalten alle Händler und Kassierer befragt. Wie vom Erdboden verschluckt. Im Dienst war er als positiv bekannt, es gab Dankschreiben, Dienstreisen in den Kauskasus usw.

Solche Geschichten gibt es Tausende und Zigtausende im ganzen Land. Wohin verschwinden die Leute, die man nicht finden kann?

Hier das Verzeichnis der Vermutungen, die in einigen Fällen der Wiederauffindung (tot oder lebendig) sich bestätigt haben:

1) ermordet (die Leiche vergraben, verbrannt, zerlegt usw.);
2) verschleppt in die Sklaverei;
3) gestohlen zwecks Organentnahme;
4) Festhaltung oder erzwungene Ausfuhr für Prostitutionszwecke;
5) vom Auto angefahren, plötzlicher Schwindel und Bewußtseinsverlust und ähnliches, d.h. unglückliche Zufälle.

Das alles hat mir ein erfahrener Einsatzmitarbeiter nach 17 Jahren Dienst erzählt. Kam Mitte der 1990er Jahre zur Polizei. Die (tatsächliche – d.Ü.) Statistik war damals dieselbe wie heute.
Er weiß nicht, wie noch früher die Statistik übers ganze Land war, aber in seinem Bereich (dieser umfaßt ein Territorium mit 500 Tausend Einwohnern) war sie immer gleich.
Etwa dasselbe in den letzten 20 Jahren. Aufgrund der Spezifik seiner Arbeit ist er manchmal auf Dienstreisen im Lande unterwegs – überall sagen die Einsatzleute dasselbe, daß es immer etwa dieselbe Anzahl war.

Er sagt, daß er schon bereit ist, fast im Ernst an Außerirdische zu glauben. Weil Leute verschwinden, die nicht verschwinden sollten – bei denen es keinerlei Voraussetzungen dafür gibt. Und die Umstände sind so, daß der Mensch nirgendwohin verschwinden konnte.
Und das erfolgt jedes Jahr im Land mit etwa 50.000 Menschen. Sowohl Männer als auch Frauen. Sowohl Kinder wie auch Alte. Unterschiedlicher Nationalitäten. Verschiedener sozialer Schichten und Einkommensniveaus.

Mir ist klar, daß 50.000 Menschen bei einem Abgang in der Bevölkerung unseres Landes von einer Million im Jahr nur ein ganz geringer Anteil ist.
Aber es sind auch Menschen.

Menschen, die von ihren Verwandten und Nächsten vermißt werden, welche nicht wissen, was mit ihnen passiert ist.

Quelle: http://fishki.net/1558569-kuda-propadajut-ljudi.html © Fishki.net

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